von Thomas Dallüge

postdigital beobachtet

von Thomas Dallüge

Angenommen, die gesellschaftliche Bearbeitung von Digitalisierung und Globalisierung wäre soweit abgeschlossen, dass diese komplexen Herausforderungen keine qualitativen Sprünge mehr produzieren. Die Themen generieren noch permanent Veränderung, doch der Grad an Veränderung bleibt annähernd gleich: ein Plateau ist erreicht, eine Balance hat sich eingestellt, der Grad der Durchdringung ist stabil, die erste Ableitung des Prozesses geht gegen 1.

Also angenommen, die gesellschaftliche Bearbeitung von Digitalisierung und Globalisierung wäre soweit abgeschlossen. Welche Themen, Fragen, Problemstellungen, Strukturen, Leitdifferenzen etc. würden dann in einer postdigitalen Gesellschaft in welcher Art und Weise prozessiert? Anbei sieben Gedanken, die sich einer Beobachtung anboten:

  1. Individualisierung ist Standard
  2. Unsicherheit und Störung ist Ressource
  3. Pflege des postdigitalen Dorfangers
  4. Emotionalität ist Leitdifferenz für gesellschaftliches Verhalten
  5. Seinskonstruktion ist eine entscheidende Kompetenz
  6. Anhang: Hinweise aus der vergangenen digitalen Zeit
  7. Anhang: Beobachtetes beobachtet

Individualisierung ist Standard

Es gibt eine permanente Verfügbarkeit von individualisierten und hoch validen Angeboten und Rahmensetzungen. Eine vermeintliche Umsetzung von Gedanken, Wünschen, Ideen, Vorhaben, Zielen etc. ist ausgestattet mit jeglichen expliziten Informationen über definierte Konsequenzen von Zeitpunkten und Möglichkeiten einer technischen, biologischen oder kommunikativen Einflussnahme. Gleichzeitig ist eine vermeintliche Umsetzung umgeben mit der sozial zutiefst verankerten Erwartung, sich zu all diesen Informationen individualisiert in Bezug zu setzen, individuell zu entscheiden. Individualisierung wird zur geteilten Norm, ist gelebter Standard, ermöglicht eine erhebliche Vereinfachung.

Unsicherheit und Störung ist Ressource

Valide Individualisierung als Standard in allen Lebensbereichen und eine Weltgesellschaft, die diesen Standard lebt, verändert den Umgang mit Unsicherheit und Störung. Verblüffender Weise werden Unsicherheiten und Störungen zu Attraktoren, Werten, Gütern, Symbolen oder Ressourcen. Gesellschaft schichtet sich nach Zugang und Ermöglichung von Unsicherheit und Störung. Singulärer Orientierungspunkt, Held, Vorbild, „oben“ ist, wer es sich erlauben kann, sich mit Unsicherheit zu konfrontieren. Umgang mit Unsicherheit erfordert Aufmerksamkeit und Stärke (über die man erst mal verfügen muss) und generiert sowohl Sichtbarkeit als auch wertvolle Informationen.

Pflege des postdigitalen Dorfangers

Auch die Gesellschaft wird den Menschen nicht los. Die belastbare Annahme eines anderen Menschen produziert Sozialität. Im Rückschluss bedeutet dies, die soziale Figur eines “Dorfangers“ eines „Common Grounds“, eines gemeinsam geteilten Bezugsraumes wird Kommunikation und Verhalten weiterhin flankieren. Die Rückbindung bzw. die Re-Symmetrisierung von Differenzierung und Schichtung erfolgt an einer selbst gewählten Zugehörigkeit, die unausweichlich mit den Begrenzungen von Welt in Bezug steht. Digitalität wird zum Bestandteil des „Common Grounds“. Unterschiedliche Reichweiten und Bindungsmechanismen laufen breit gestreut parallel nebeneinander.

Emotionalität ist Leitdifferenz für gesellschaftliches Verhalten

Durch die instantane und global angenommene Kommunikation generiert sich eine weltweite „T-Gruppe“. Emotionalitätsangebote sind allgegenwärtig, wertbehaftet und stellen sich zur Selektion zur Verfügung. Selektion, Anschluss und Zugehörigkeiten treiben Verhalten. Achtsamkeit (Wahrnehmung von Emotionalität) und Gelassenheit (Umgang mit Emotionalität – Resilienzsicherung) werden zu Tugenden sozialen Verhaltens.

Seinskonstruktion wird zur entscheidenden Kompetenz

Die Sinnstiftung (Aktualisierung aus Potentiellem) des eigenen Seins wird in die eigenen Hände gelegt. Vielmehr als um die Kreation eines! eigenen Ichs, eines! eigenen Kerns, geht es um die Entfaltung der eigenen Möglichkeiten zur zukünftigen Seinskonstruktion vor dem Hintergrund von fremd. Selbstfindung wird ersetzt durch Seinskonstruktion. Die bisherigen, eigenen und fremden Zuschreibungen werden zu Absprungpunkten für weitere. Seinskonstruktionskompetenz besteht in der Fähigkeit unabhängige Selbstkonstrukte zu entdecken und leben zu können und damit sich selbst für verschiedenste Rollen in sozialen Gefügen zur Verfügung zu stellen.

Anhang: Hinweise aus der vergangenen digitalen Zeit

  • Digitalisierung führte nicht zu einer individualisierenden Verengung sondern zu einer entscheidenden Verbreiterung von Verhalten und Sein.
  • Digitalisierung ging einher mit einer Personalisierung der Gesellschaft
  • Daten und Algorithmen wurden zu festen Bestandteilen des gemeinsamen „Dorfangers“ des „Common Grounds“ und bedurften der gemeinsamen Pflege und Hege.
  • Hosts und Provider begannen mit Daten und Algorithmen zu agieren wie Banken mit Geld.
  • Leben richtet sich auf die Maxime – sei selten – liefere dich nicht deiner Fortsetzung aus – transzendiere dich.

Anhang: Beobachtetes beobachtet

Folgen wir diesen hervorgehobenen Gedanken und bedenken auch nicht Herausgehobenes, stellt sich unter anderem die Frage, wo sind die Hinweise darüber, wie sich die postdigitale Gesellschaft organisiert. Nun gibt es zwei Angebote, dies zu denken. Entweder kann Gesellschaft sich nicht selbst beobachten (wie auch das Gehirn nicht das Gehirn anschauen kann) oder, mit Blick auf die Antworten, ist die Organisiertheit der postdigitalen Gesellschaft keine Frage mehr…

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