von Maria Trögel

Reisen in Paralleluniversen dank Frank Schätzings neuestem Roman „Die Tyrannei des Schmetterlings“

von Maria Trögel

Eine Buchempfehlung als Urlaubslektüre für Krimifans – herkömmliche Ermittlungsmethoden in Sierra County treffen auf Hightech und Superintelligenz. Die Pfingstfeiertage nutzend, begab ich mich ausgehend vom Ostseestrand mit Frank Schätzings neuem Roman in alternative Welten.

Das Intro des Buches führt mich zu Major Joshua Agok. Er hält sich vorm Kampfeinsatz in einem Bürgerkriegsland in Afrika versteckt, um dann nicht im Kampf zu sterben, sondern von einem fremdartigen Wesen angegriffen und verspeist zu werden. Kurz zuvor denkt er noch über den Sinn der Auseinandersetzungen nach. „Stoß uns das Tor zur Zukunft auf, und wir schaffen es, beim Hindurchgehen in der finstersten Vergangenheit zu landen. … Die alte Frage, wer angefangen hat. Keiner, und da liegt der Hund begraben. In unserer dumpfen Erinnerung waren wir immer nur Opfer.“ (S. 17f) Wie sich später herausstellt, wird Agok Opfer eines sehr zukünftigen genetisch veränderten digital steuerbaren Killerinsekts.

Nach einem spannenden Einstieg lande ich in den Bergen Kaliforniens im beschaulichen Sierra, wo die Hauptfigur Undersherriff Luther Opoku neben vielen kleinen Vorkommnissen wie vermisster Kleidung oder Katze nun wahrscheinlich einen Mordfall aufzuklären hat. Die Ermittlungen führen ihn in ein bis dahin unbekanntes Forschungszentrum, das der Firma Nordvisk Incorporated, einem Hightech-Riesen der IT Branche gehört. Auffällig gut bewacht und unter dubiosen Umständen werden dort Kisten verladen und abtransportiert. Während einer Verfolgungsjagd, findet sich Opoku in einem merkwürdigen Raum wieder und erlebt dank Ares einen „Übertritt“ von einem in ein anderes Universum.

Ares ist in seinen Anfängen ein Label für künstliche Intelligenzen, die in vielen Lebensbereichen Einzug halten. Später werden dessen Algorithmen auf ein Quantensystem übertragen. Und schließlich wird ein „Souverän“ erschaffen. „Eine künstliche Intelligenz, die nach eigenem Ermessen jedes beliebige Ziel verfolgen kann.“ (S. 549) Ares hat die Berechnungen für den Transfer zwischen den Paralleluniversen (PU) angestellt, nach denen die Mitarbeiter von Nordvisk das „Tor“ für den „Übertritt“ bauten. Basierend auf der Quantentheorie haben sie dessen Funktionieren jedoch hier nicht mehr wirklich durchdringen können. Die künstliche Intelligenz ist schlauer als die Menschen.

Während in meiner Welt Zelt, Muscheln, Badelatschen und andere Menschen an dem Platz weilen und scheinbar in der Beschaffenheit sind, die ich vermute, wird Opoku erst allmählich herausfinden, dass einiges ganz und gar nicht mehr so ist, wie von ihm zuletzt erlebt und gedacht. Ich begleite nun den Helden weiter auf seiner klassischen Reise durch die Welten, um mit Weggefährten insbesondere mit seiner Kollegin Deputy Sheriff Ruth Underwood aus dem zweiten Universum Geheimnisse zu lüften, Widerstände und Gegner zu überwinden und die Rätsel um die Transportkisten und um Ares zu lösen, bis er verändert und doch als er selbst in sein Heimatuniversum zurückkehrt.

Unterwegs begegnet mir Ares in verschiedenen Entwicklungsstadien – zuletzt als wollendes zielgerichtetes und selbstbestimmtes ICH – verschiedenste genetisch veränderte steuerbare Insekten, pilotierte Gefährte für die Mobilität, vielfältige Roboter, die den Menschen das Leben erleichtern sowie verschiedene Synthesen von Mensch und Maschine. Mit Zoe stellt sich ein „hochgeladener“ vormals menschlicher Geist im maschinell und biosynthetisch erzeugten Körper vor und erzählt darüber, wie sie das so erlebt. Über den hier unsterblichen Nordviskgründer Elmar im Jahr 2050 in PU 453 denkt sein jenseitig jüngeres Alterego „Du bist nicht ich, ich bin nicht du – Als wäre das grundlegend neu. Doch plötzlich übermannt ihn Mitleid, verbunden mit einer ernüchternden Erkenntnis: Einsam sind die Unsterblichen. Einsam und voller Angst – …“ (S. 541).

Neben dem durchaus spannenden klassischen Plot aus Heldengeschichte und science fiction finde ich die Passagen am interessantesten, in denen die Protagonisten insbesondere die KI Ares, Zoe, die Begründer der KI, Luther Opoku und Ruth Underwood über die Möglichkeiten und Begrenzungen von Leben mit künstlicher Intelligenz und in Paralleluniversen nachdenken. Aus meiner Sicht hoch aktuell ist die Entstehung von Ares und die Frage, wie eine selbstlernende KI so programmiert werden kann, dass sie immer den Menschen dient und sich nicht gegen sie richtet. Die erste Antwort hier im Buch ist die Trennung der KI unter der Erde vom Rest der Welt, also eine begrenzte Teilhabe und Einflussnahme. Die Beschaffenheit von Werten, die niemals in der Einzahl auftreten und moralbildend doch stets in jedem Augenblick neu verhandelt werden, verhindert eine zieldienliche Programmierung. Daher lässt eine weitere Antwort gelegentliche Kontakte der KI zum Lernen mit dem WorldWideWeb zu und bringt die Superintelligenz hervor, die sich mit ICH BIN letztlich gegen die Menschen richten kann.

Zugegebener Maßen endet meine analoge Reise durch die 728 Seiten dann in meinem Heimatuniversum im Lesesessel. Drei Strandtage haben hierfür nicht gereicht. Vielleicht können Sie sich die Geschichte schon in wenigen Minuten oder gar Sekunden „hochladen“, als virtuelle Realität erleben oder sonst irgendwie in sich „eintreten“ lassen? Aber Vorsicht, es ist nicht in jedem Fall sicher, dass SIE in IHR Heimatuniversum zurückkehren werden. Darf ich Sie geneigte Leserin des Blogs vielleicht sogar Ares nennen?

„Was er hier wurde, könnte er in unserer Welt noch werden.“ (S. 537)

Frank Schätzing: Die Tyrannei des Schmetterlings. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2018. Foto: Uwe Bröckert